Scheiße stinkt auch digital

Wieso digitale Kanäle die Kirche nicht retten und wie es trotzdem gelingt, in einer digitalisierten Gesellschaft zu kommunizieren

Es gibt keinen Trend, der seit 20 Jahren die Gesellschaft so kontinuierlich prägt wie die Digitalisierung. War es in den 90er Jahren noch eine bewusste Entscheidung, im Internet zu surfen, gilt heute: Menschen gehen nicht online, sie sind es. Und die Kirchen? Da offenbaren die Bemühungen rund um #digitalekirche die Probleme der #analoge[n]kirche.

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, seine Aufgaben zu digitalisieren. Das Gängigste ist, die eigene Struktur auf digitale Produkte umzustellen. Wurde sonst der Alltag in Pfarreien mit großen Papierkalendern organisiert, wird heute ein Onlinekalender verwendet. Anstelle von Briefen werden E-Mails versendet. Es gibt, gerade im Bereich der Organisation und Verwaltung, eine Reihe von digitalen Tools, die analoge Aufgaben erleichtern oder den Nutzerinnen und Nutzern gar abnehmen. Herausfordernd wird die Digitalisierung an den Punkten, an denen keine Eins-zu-Eins-Übertragung möglich ist. Das ist immer dann der Fall, wenn es um die Lösung eines grundsätzlichen Problems geht; also bei inhaltlichen Herausforderungen.

Form vor Inhalt

Während es verhältnismäßig einfach ist, die Form der Verwaltung zu digitalisieren, stellt das Reagieren auf veränderte Gegebenheiten jedoch eine Herausforderung im Bereich der Digitalisierung dar. Wenn ich trotz Onlinekalender noch immer alle Terminwünsche via Telefonat entgegennehme und selbst eintrage, statt ein Onlineformular auf der Website zu nutzen, habe ich zwar ein digitales Produkt, verbleibe aber bei meiner analogen Arbeitsweise. Damit habe ich den Prozess nicht digitalisiert, sondern einzig und allein die Werkzeuge auf den neuesten Stand gebracht. Dabei geht es doch eigentlich um die Lösung der Frage: ‚Wie werden Termine in einer digitalisierten Gesellschaft vereinbart?‘ Die Antwort darauf ist viel grundlegender.

Digitalisierung ist größer als das reine Vorhandensein digitaler Produkte. Es ist egal, ob ich meine Termine digital oder analog festhalte. Es ist jedoch nicht egal, auf welche Weise ich erreichbar bin und sein möchte. Die globale Vernetzung von Informationen hat die Art und Weise wie wir zusammenleben bereits jetzt grundlegend verändert (vgl. Sauer). Um auf die Herausforderungen der Digitalisierung reagieren zu können, braucht es mehr als bloße Kenntnisse über digitale Kanäle und Tools. Allein die Nutzung von digitalen Produkten verändert nichts.

Keine Predigt wird spannender als Podcast auf Spotify, kein Pfarr- oder Gemeindebrief gewinnt magisch an Qualität, sobald er im PDF-Format vorliegt und keine Jugendarbeit wird besser durch WhatsApp.

Es braucht ein Bewusstsein dafür, dass auftretende Probleme nicht an der gewählten Form liegen, sondern am Inhalt selbst. Um es ganz konkret zu machen: Keine Predigt wird spannender als Podcast auf Spotify, kein Pfarr- oder Gemeindebrief gewinnt magisch an Qualität, sobald er im PDF-Format vorliegt und keine Jugendarbeit wird besser durch WhatsApp. Nicht die Form, sondern weiterhin die Inhalte sind entscheidend.

So erklärt es das Modell des „golden circle“ von Simon Sinnek: Entscheidend für den Erfolg ist nicht das was (Produkt) oder das wie (Prozess), sondern die Kenntnis des zugrundeliegenden wieso. Erst wenn vom wieso her gedacht wird, ist es möglich, Herausforderungen zu meistern. Denn Visionen sind zeitlos, während Form und Produkte immer historisch sind.

Der Kerninhalt von Kirche ist das Evangelium

So banal es auch klingt: Die Kernbotschaft, die zugrundeliegende Vision der Kirchen, ist das Evangelium – die Überzeugung, dass Gott mit den Menschen diese Welt ins Gute (= Reich Gottes) führt. Die katholische Kirche geht davon aus, dass sie sowohl Zeichen des Wirkens Gottes in der Welt als auch Werkzeug ist (vgl. Lumen Gentium 1). Sie hat niemals ihre eigene Profilierung zum Selbstzweck, sondern steht ein für Evangelisierung. Evangelisierung meint einen gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozess, der die Beziehung zwischen Gott und Mensch (= Glauben) fördert und so das Reich Gottes Stück für Stück weiter baut (vgl. Evangelii Nuntiandi).

Die Evangelisation ist ein durch und durch dialogischer Prozess zwischen Kirche und Welt, zwischen Gläubigen und Kultur und zwischen Gott und dem Menschen (vgl. Gaudium et spes 1; GS 40). Dabei ist der Ausgangspunkt nicht das Wissen um Form und Glaubenswahrheiten, sondern das Handeln von Christ*innen in der Welt: „Die Verkündigung muss vor allem durch ein Zeugnis erfolgen“ (EN 21). Das, warum ich etwas tue, für welche Prinzipien und Haltungen ich mich einsetze, ist entscheidender als die Art und Weise wie ich es tue oder was ich mache.

Das Handeln steht nicht für sich, sondern ist Ausdruck einer zugrundeliegenden Überzeugung. Und genau diese Überzeugung gilt es im Sinne der Evangelisation mit Tat und Wort in den Dialog zu stellen. Entscheidend ist nicht was ich mache, sondern warum ich es mache.

Die grundlegende Herausforderung der Theologie durch die Kulturen und Zeiten hinweg ist: den Blick des Menschen auf die Möglichkeiten Gottes richten. „Wenn mehr vom Gesetz als von der Gnade, mehr von der Kirche als von Jesus Christus, mehr vom Papst als vom Wort Gottes gesprochen wird“ (Evangelii gaudium 38), steht nicht der Glaube und Gottes Möglichkeiten, die Welt zu verändern, im Mittelpunkt, sondern eine konkrete, zeitliche Form. Ebendies gilt es zu vermeiden. Ziel ist eine Form für den Inhalt zu finden, um ihn zu kommunizieren, statt neue Formen zu entdecken, in denen man die alte Form neu verpackt.

Kirchliche Kommunikation war in den letzten Jahrzehnten vor allem darauf bedacht, eine konfessionelle Deutung der Kultur und Gesellschaft zu bieten. Anspruch war, dass die Gesellschaft sich an der Wahrheit der Kirche orientiert. Gesamtgesellschaftlich trifft dieser Korrekturanspruch immer weniger auf Resonanz. Kirchen konnten so handeln, weil sie in der Lage waren, Kommunikationsinfrastruktur bereitzustellen. Doch Neue Medien und soziale Netzwerke haben dazu beigetragen, dass jede*r potenziell zum Sender werden kann. Für erfolgreiche Kommunikation reicht es nicht mehr aus, Möglichkeiten zur Kommunikation zu besitzen. Es braucht die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Anliegen zu lenken. Für kirchliche Kommunikation wäre das die Frage nach der Möglichkeit von Transzendenz in der Welt.

Und genau dieser Punkt wird vergessen, wenn immer wieder die Bewerbung von kirchlichem Engagement als Heilmittel gegen die Belanglosigkeit ins Feld geführt wird. Die Idee: Wir müssen nur besser kommunizieren, was wir machen, damit Menschen begreifen, dass wir relevant sind. Doch damit wird die Aufmerksamkeit nicht auf den wesentlichen Inhalt gelenkt, sondern auf die Ausdrucksformen. Statt aufzuzeigen, warum Kirche handelt, wird aufgezeigt, wie Kirche handelt.

In Beziehung gehen. Analog und digital

Ebendieser Konflikt wird in der Nutzung digitaler Kommunikationskanäle sehr deutlich. Denn das Problem von #digitalekirche ist nicht, dass ihr oft das Verständnis über die Möglichkeiten der digitalen Kanäle fehlt, sondern vor allem, dass sie bereits als #analogekirche unverständlich ist. Nicht die Digitalisierung macht Kirche in ihrer Kommunikation zu schaffen, sondern die Haltung, mit der die Kirchen – ob analog oder digital – zu kommunizieren pflegen.

Während Kirche in der analogen Welt auf ihre bestehenden Strukturen mit Kirchenpresse, Pfarrern und Presseabteilungen setzen kann, bieten die digitalen Kommunikationskanäle ein unbespieltes Gebiet. Hier zeigt sich, wie (wenig) tragfähig die Haltungen sind.

Denn wenn es weiterhin darum geht, dass Menschen auf Knien die heiligen Worte der hauptamtlichen Verkündiger empfangen, so wird auch eine Facebook-Seite nicht auf breite Resonanz stoßen. Und wenn das Unverständnis über die Lebenswelt der Jugendlichen zu groß ist, dann ist auch die Nutzung von TikTok, Snapchat, Instagram und WhatsApp nicht gewinnbringend. Noch direkter ausgedrückt: Wenn mein Geschenk unattraktiv ist, bringt mir auch die schönste Verpackung nichts. Denn spätestens, wenn ich das Geschenk auspacke, den Inhalt genauer zu betrachten, werde ich wahrscheinlich enttäuscht sein.

Keine Facebook-Seite, kein TikTok-Channel, kein Instagram-Profil und kein Twitter-Account werden das Problem lösen, dass Kirche in weiten Teilen verlernt hat, mit Menschen außerhalb ihres Inner-Circle zu reden

Keine Facebook-Seite, kein TikTok-Channel, kein Instagram-Profil und kein Twitter-Account werden das Problem lösen, dass Kirche in weiten Teilen verlernt hat, mit Menschen außerhalb ihres Inner-Circle zu reden. Die Milieuverengung der Kirche ist kein Problem, das durch die Digitalisierung hervorgerufen wird. Es zeigt sich nur deutlicher auf Plattformen, die darauf ausgelegt sind, Beziehung und Dialog zu pflegen. Soziale Medien bauen auf Dialog und den Aufbau von Communitys. Kirche setzt auf den Erhalt und die Erklärung des bereits Bestehenden.

Es gibt keine Abkürzung, dieses Problem zu lösen, als mit den eigenen Inhalten in Beziehung zu treten. Und der Inhalt der Kirche ist die frohe Botschaft. Der Glaube daran, dass es Hoffnung in Gott gibt (vgl. EN 15). Das bedeutet konkret, dass wir als Gläubige in der Kirche wieder sprachfähig über unseren persönlichen Glauben werden müssen. Ohne fromme Floskeln und Phrasen. Wir brauchen ehrliche Glaubenskommunikation statt Verkündigung. Evangelisation statt Mission. Nicht Menschen überzeugen, was gut ist, sondern im eigenen Handeln zeigen, dass es gut wird. Es geht zum einen darum zu lernen, wie mein Glaube sich in meinem Leben zeigt, und zum anderen darauf zu hören, wie Gott im Leben der Anderen wirkt.

Denn in Beziehung zu sein bedeutet auch immer die Möglichkeit, offen zu lassen, dass mein Gegenüber mich möglicherweise verändert. Denn erst, wenn es auch mich selbst verändert, ist Evangelisation ein gesamtgesellschaftlicher Transformationsprozess.

Ok, ok, ok. Aber, aber, aber!

Digitalisierung ist größer als digitale Kanäle. Und digitale Kanäle haben ein enormes Potenzial für die Pastoral. Denn sie sind territorial entschränkt, nah an dem*der Nutzer*in und bieten von ihrer Grundstruktur her eine ideale Grundlage für den Aufbau von Communitys.

Und wenn Sie mich jetzt fragen: Aber wo soll ich anfangen? Dann ist meine Antwort: Fangen Sie bei sich an. Welche Antworten gibt Ihnen der Glaube in Ihrem Leben? Und wovon wollen Sie anderen berichten? Und wenn Sie das von sich wissen, dann googeln Sie. Schauen Sie sich die unterschiedlichen Kanäle und Plattformen an. Denn wenn Sie wissen, was Ihr Inhalt ist und wieso Sie mit Anderen in Kommunikation treten wollen, dann finden Sie auch einen Weg, wie Sie es anfangen und was Sie dafür tun müssen.

Nicht die digitalen Kanäle machen Sie sprachlos. Sondern sie zeigen auf, wo Sie bereits jetzt sprachlos sind. Und das muss kein Hindernis sein. Denn es geht nicht darum, Wahrheit zu verkündigen, sondern den eigenen Glauben in den Dialog mit anderen zu bringen. Das bedeutet, zuzuhören, sich berühren lassen und mitzureden. Sowohl digital als auch analog.

Dieser Artikel ist eine Langversion meines Blogeintrags „Scheiße stinkt auch digital“ aus dem März 2019. Diese Version ist zu erst erschienen in Lebendige Seelsorge 6/2019

Sie können diesen Artikel zitieren mit: SAUER, Tobias: Scheiße stinkt auch digital. In: Lebendige Seelsorge, 6 (2020), 438-441.